Archiv für April 2011

Den Leuten reicht es, nicht nur den Nordafrikanern – Interview mit Fermin Muguruza

Fermin Muguruza hat eine Dokumentarfilmreihe über die Musik der arabischen Länder gedreht. Ein Gespräch über HipHop und Revolution – von Patrick Schirmer Sastre (aus der „Berliner Zeitung“ – wieso erscheint sowas in solch einem widerlichen Blatt??)
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Fast liest sich Fermin Muguruzas bisheriges Lebenswerk wie eine Chronik von dem, was in den letzten dreißig Jahren auf der Welt passiert ist. Kaum eine Revolution, die der baskische Musiker nicht besungen hätte. Kaum ein Missstand, den er als politischer Aktivist nicht angeprangert hätte. Seit er in den 1980er- Jahren mit der Punkband Kortatu den Ska nach Spanien brachte und die Rockmusik um die baskische Sprache bereicherte, ist Fermin Muguruza einer, der polarisiert – aber auch stets dokumentiert. In der Liebe zu seiner baskischen Heimat, für deren Unabhängigkeit er sich einsetzt, sieht er den Grundpfeiler dafür, sich auch international für die Unterdrückten einzusetzen. Seine neueste Idee: Die Dokumentarfilmreihe „Next Music Station“ über die Musik aus zehn arabischen Ländern, darunter auch Tunesien, Ägypten und Jemen. Beinahe pünktlich zur Revolution starteten die Ausstrahlungen im arabischen Raum, ab dem 25. April laufen sie auf dem Sender Al Dschasira English.

Herr Muguruza, Sie haben von Dezember 2009 bis Ende 2010 in zehn arabischen Ländern gedreht. In vielen dieser Länder ist es nun zu Revolutionen, zumindest aber zu Protesten gekommen. Waren diese Ereignisse zu der Zeit schon abzusehen?

Zunächst muss gesagt werden, dass es sich natürlich um sehr unterschiedliche Länder handelt. Marokko ist ein ganz anderes Land als der Libanon. Andererseits haben alle diese Länder natürlich auch Gemeinsamkeiten. Das sind vor allem die Missachtung der Menschenrechte, die fehlende Meinungsfreiheit und ein neoliberales System, das viele Menschen arm hält. Gleichzeitig gibt es in diesen Ländern viele junge Leute, die wenig Perspektive, aber auch weniger Angst haben als ältere Generationen, sich mit diesem System anzulegen. Man konnte sich daher schon vorstellen, dass es zu Protesten kommen könnte, auch zu Massendemonstrationen. Aber dass es gelingen würde, so schnell zwei Diktatoren wie Ben Ali in Tunesien und Mubarak in Ägypten loszuwerden, das war dann doch überraschend. Selbst für die Völker, die diese Revolutionen durchgeführt haben.

Sie haben „Next Music Station“ für Al Dschasira gedreht. Welche Rolle hat der Sender bei den Aufständen gespielt?

Al Dschasira war enorm wichtig. Sie waren die ganze Zeit am Tahrir-Platz in Kairo dabei. Durch Al Dschasira haben die Menschen überhaupt erfahren, was in ihrem Land vor sich geht. Die sogenannte Facebook-Revolution ist ein Mythos. Das Internet war doch in Ägypten tagelang abgeschaltet! Durch Facebook haben wir vielleicht in Europa erfahren, was passiert. Aber wirklich wichtig für die Aufstände war eher das Fernsehen. Und vor allem die spontanen Versammlungen, bei denen sich die Leute persönlich vernetzt haben.

Europa hat immer noch Probleme, mit der Situation umzugehen.

Europa spielt ein beschämendes Spiel – es ist eine einzige Heuchelei. Gehen Sie Zeitungsarchive durch und schauen Sie sich an, wie diese Diktatoren verteidigt und an der Macht gehalten wurden. Dass ihnen Waffen verkauft wurden, dass sie militärisch beraten wurden. Und plötzlich wurden sie von besten Freunden zu Diktatoren. Sarkozy sprach bis vor Kurzem von Ben Ali als einem Musterbeispiel für Demokratie in der arabischen Welt. Und nun gehen die Europäer hin und wollen den Menschen dort erklären, wie man Demokratie macht. Zu einem Zeitpunkt, an dem die Demokratie in Europa auch nicht funktioniert, weil wir von neoliberalen Märkten regiert werden.

Welche Rolle spielt die politische Botschaft in den Songs der Musiker, die Sie porträtieren?

Wir haben in zehn Ländern über achtzig verschiedene Musiker besucht – da gibt es viele Unterschiede. Man muss den Einfluss der arabischen Poesie im Blick behalten. Oftmals wird mit Metaphern gearbeitet. Der Ägypter Mohamed Mounir, dort ein bekannter Musiker, singt von einer Frau, die in einem Turm eingesperrt ist und heraus möchte. Damit meinte er natürlich sein Land. Dass jemand sich aber hinstellt und sagt: Mubarak ist ein Mörder, das gab es natürlich nicht. Die neuen Umstände werden das sicherlich ändern. Vor allem in Genres wie dem HipHop, die schon immer durch eine sehr direkte Sprache charakterisiert waren.

Viele Musiker haben sich der Revolutionsbewegung angeschlossen …

Das ist richtig. Sowohl in der Kasbah, also in der Altstadt von Tunis, als auch auf dem Tahrir-Platz in Kairo gab es während der Proteste jeden Abend Veranstaltungen, bei denen Musiker gespielt haben. Beispielsweise Badiaa und Amine Nouri in Tunis oder Arabian Knightz und El Tanbura in Kairo. Mohamed Mounir hat die Revolution begleitet, in dem er im Internet Videos hochgeladen hat, in denen er Bilder von den Demonstrationen mit seiner Musik unterlegt hat. Und der ,Hüter‘ der Malouf-Musik, der Tunesier Lofti Bouchnak, hat jetzt ein Lied über die Revolution veröffentlicht.

Wie erklärt sich die Beliebtheit des HipHop in der arabischen Welt?

HipHop ist die Sprache der Jugend. Nicht nur in den arabischen Ländern. In Berlin gibt es ihn an jeder Straßenecke. HipHop ist einfach, man braucht keine Instrumente. Nur jemanden, der die Beatbox bedient. In den arabischen Ländern kommt aber hinzu, dass die Tradition der Poesie auch auf den HipHop großen Einfluss hat. Wenn man dort Rapper nach ihren Vorbildern fragt, nennen sie zunächst Künstler wie den palästinensischen Dichter Mahmoud Darwish oder den ägyptischen Schriftsteller Naguib Mahfouz – und dann erst die Public Enemy oder Tupac Shakur. Hinzu kommt natürlich in den frankophonen Ländern der Einfluss des französischen HipHops.

Sie nennen Fatih Akins „Crossing The Bridge“ eine wichtige Inspirationsquelle für Ihre Filme. Welches Potenzial bietet der musikalische Dokumentarfilm?

Solche Filme bieten die Möglichkeit, andere Länder durch ihre Musik kennenzulernen, deshalb haben sie auch politisches Potenzial. Denn sie erlauben, interkulturelle Brücken zu bauen. Man erfährt, was in anderen Ländern wirklich vorgeht. Und das führt im besten Fall dazu, dass die Menschen ihre Vorurteile abbauen. Letztlich arbeiten solche Filme gegen die Ignoranz an, die dazu geführt hat, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel den Multikulturalismus für gescheitert erklärt. Er ist nicht gescheitert. Im Gegenteil, er ist stärker denn je.

Welche Erwartungen haben Sie für die Entwicklung der arabischen Welt?

Ich weiß es nicht. Ich habe keine Glaskugel mit der ich in die Zukunft schauen kann. Aber ich beobachte, dass die Menschen genug haben. Nicht nur in Nordafrika, auch in Europa. In Griechenland gibt es Proteste, in London ebenso. Und auch in Berlin wird es am 1. Mai wieder Proteste geben. Ich glaube, das alles ist eine globale Bewegung. Die Menschen sagen: Es reicht!

Das Gespräch führte Patrick Schirmer Sastre.

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Zur Person

Fermin Muguruza, geboren 1963 in Gipuzkoa im Baskenland, ist Musiker und Filmemacher.

In den 1980er-Jahren gründete er die Bands Kortatu und Negu Gorriak, die einen Mix aus Reggae, Ska, HipHop und Punkrock zu politischen Texte spielten.

Für den Sender Al Dschasira hat er nun eine Dokumetarfilm-Reihe über junge arabische Musiker gedreht.

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Am 7. Mai wird im Rahmen der Soli-Party für das Peliculoso-Kino in der Köpi der Dokumentarfilm „Checkpoint Rock – Songs from Palestine“ von Fermin Muguruza (2009, Arabisch m. engl. UT) gezeigt.
Ab 23.00 Uhr dann Party mit: Lucha Amada & „DJ Patchu“ (radiochango.com, Barcelona)

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¡Ni una Muerta más!« – »Nicht eine Tote mehr!«

Frauenmorde in Mexiko – Themenreihe der Mexiko-Initative Köln/Bonn im Allerweltshaus Köln
Seit den 90-er Jahre wurden in Ciudad Juárez Hunderte von Frauen ermordet, viele von ihnen vergewaltigt, gefoltert, in die Wüste geworfen. Straflos! Die Täter werden nicht ermittelt, nicht gesucht, nicht vor Gericht gestellt. Jetzt wendet sich die Gewalt in einer neuen Steigerung gegen die Mütter und Familien der Ermordeten, die Gerechtigkeit einfordern!

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Mexiko erlebt zur Zeit eine der größten Wellen von Gewalt in der Geschichte des Landes. Allein im Norden des Landes, in Ciudad Juárez, zählt man von 2006 bis heute rund 2500 Morde pro Jahr – viele der Opfer kommen aus der Zivilbevölkerung, darunter auch viele Frauen. Oft sind die Opfer junge Frauen, Migrantinnen, die in den Niedriglohnfabriken der Grenzregion arbeiten.

Seit Ende 2010 richtet sich die Gewalt gezielt auch gegen Aktivistinnen, die sich für die Aufklärung der Frauenmorde einsetzen.

In Zusammenarbeit mit dem Allerweltshaus e.V. will sich die Mexiko-Initiative Köln/Bonn mit einer Veranstaltungsreihe dem Thema der Frauenmorde widmen, um auf die drastische Situation an der Nordgrenze Mexikos aufmerksam zu machen.

Weitere Informationen unter
www.allerweltshaus.de

Radiobeiträge zum Thema unter:
www.alleweltonair.de

Terminübersicht Veranstaltungsreihe:

09. – 21. April · Öffnungszeiten: Mo-So 10- 20 Uhr
Fotoausstellung von Amnesty International: ›Unsichtbare Opfer‹ zur Lage von Transmigrant_innen in Mexiko.

Di. 26. April 19 Uhr · Eintritt € 5,-/3,-
Kurzfilm- und Infoabend zu den Frauenmorden in C. Juárez mit Informationen zur aktuellen Lage in der Grenzregion, mit den Filmen La Lucha de las mujeres de Juárez (CH 2008), Perdita (D 2007), Tierra Prometida (Mex 2007), Bajo Juárez (Mex 2006).

Di. 03. Mai 20 Uhr · Eintritt € 5,-/3,-
Diskussionsveranstaltung mit Jesús Torres Nuño, Gewerkschaftsführer der mexikanischen EUZKADI-Gewerkschaft aus Guadalajara, Mexiko, über Arbeitskämpfe und die Kooperative ›Trabajadores de Occidente‹.

Do. 12. Mai 20 Uhr · Eintritt € 7,-/4,-
»¡Ni una Muerta más!« – »Nicht eine Tote mehr!« Lesung mit musikalischer Untermalung. Interpretation von Texten aus Juárez, mit Gedichten der im Januar 2011 ermordeten Aktivistin Susana Chávez.

Fr. 13. Mai 20 Uhr · Eintritt € 5,-/3,-
Spielfilmabend in der Reihe ›Tardes de Cine‹ mit dem Spielfilm ›Bordertown‹ (USA 2006).

Di. 24. Mai 20.30 Uhr · Eintritt € 5,-/3,-
Diskussionsveranstaltung über gewerkschaftliche Organisierung in der Maquila-Industrie von Ciudad Juárez
ReferentInnen: Tim Ackermann (Uni Münster) & Miriam Trzeciak (Uni Kassel).

Fr. 03. Juni 20 Uhr · Eintritt VVK € 14,-/8,- / AK € 16,-/10,-
Die mexikanische Theatergruppe ›Telon de Arena‹ aus Juárez mit dem Stück ›Contrabando‹ ein Stück über Gewalt, organisierte Kriminalität und Drogenhandel in Mexiko. Eine Inszenierung nahe an der Realität.
http://www.telondearena.org
http://www.buehnederkulturen.de
im Arkadas-Theater – Bühne der Kulturen Platenstraße 32

Sa. 04.Juni 19 Uhr · Eintritt € 5,-/3,-
Diskussionsveranstaltung mit Perla de la Rosa/ Leiterin der Theatergruppe Telon de Arena und weiteren Mitgliedern des Ensembles über Gewalt und Kriminalität in Mexiko sowie Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Kulturarbeit in Ciudad Juárez.

*Veranstaltungen, wenn nicht anders vermerkt, finden im Allerweltshaus statt.

Allerweltshaus Köln, Körnerstraße 77, 50823 Köln

Lokalmatador: Lucha Amada

Sendung vom 07. April 2010 (Funkhaus Europa)

Seit knapp zehn Jahren setzt das Köln-Berliner DJ-Kollektiv Lucha Amada bei ihren Partys auf fetten Mestizo Sound. Neben ihren Partys organisieren sie aber auch Konzerte und Veranstaltungen, die durchaus auch politisch motiviert sein können. Denn die Jungs von Lucha Amada lieben den Kampf für eine gerechtere Welt.

Stell dich bitte kurz vor!

Uns gibt es jetzt seit neun Jahren. Ich persönlich bin aus Berlin und wir sind ein Kollektiv, was aus Berlin und dem Köln/Bonner Umfeld kommt. Wir machen ganz viel mit Musik, machen Partys, legen auf den Partys auf, organisieren Konzerte und versuchen das Ganze in einen politischen Kontext zu setzen.

Warum versucht ihr die Parties in einen politischen Kontext zu setzen?

Politik ist uns ganz wichtig, daher auch der Name „Lucha Amada“ – geliebter Kampf. Wir lieben den Kampf für eine gerechtere Welt. Und wir lieben die Musik und wir lieben es das zu verbinden, weil die Musik ist total lebensbejahend und fröhlich. Und wenn wir feiern, dann wollen wir das auch gerne mit etwas politischem Verknüpfen.

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Welcher Musik kann man bei Euch hören?

Es gibt diesen Begriff Mestizo, der ganz gut umschreibt was wir mögen und was wir machen. Also es ist eine Mischung aus allem Möglichem, es ist ganz viel Ska drin, Patchanka, Reggae ist da drin. Da ist Cumbia, Flamenco, Rumba Catalana mit drin. Im Grunde alles Mögliche aus Lateinamerika, Spanien, Baskenland, Frankreich, Italien. Das ist so ganz grob diese Ecke, die wir aber nicht so dogmatisch da durchsetzen. Da kann auch mal was Arabisches dabei sein.

Wie ist die Idee zu Lucha Amada entstanden?

Der zündende Funke war einfach die Rebellion der Zapatisten, die hat ja nicht nur die Linke in Deutschland oder Europa, sondern die Linke weltweit inspiriert. Aber auch auch ganz viele Bands haben sich darauf berufen, haben sich solidarisch gezeigt und interessanterweise sind wir so auch auf die Musik gestoßen. Über einen Soli-Sampler für die Zapatisten und so ist das dann zu uns rübergeschwappt. Und da wir eh Linke Aktivisten waren, war das eine Superidee das zu verbinden.

Wie sieht das im Einzelnen aussehen?

Wir versuchen die Leute darauf hinzuweisen, was es da gibt an Kämpfen. Sei es jetzt in Lateinamerika oder in Europa oder in Deutschland. Wo wir gerade wohnen. Das heisst, dass wir z.B. Dias zeigen im Hintergrund, dass wir mal eine Veranstaltung vor einem Konzert machen oder dass wir Solipartys machen.

Gibt es einen konkreten Wunsch, dem ihr momentan nacheifert?

Einen realistischen Wunsch versuchen wir gerade anzugehen über einen Freund. Der hatte die Idee mit einer Mexiko-Tour und dort auch bei jeder Party, die sozialen und politischen Bewegungen zu unterstützen. Das wäre ein Traum irgendwie und mal schauen ob es nächstes Jahr klappt.

AutorIn: Manuel Agostinho

Assalti Frontali – Roma meticcia

Das neue Video von Assalti Frontali aus Rom: „Roma meticcia“ vom neuen Album „Profondo Rosso“.

Collectif Mary Read am Donnerstag in Berlin!

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Am 21. April 2011 werden die HipHoper Calavera und Nergal von Collectif Mary Read aus St.-Étienne (Frankreich), Drowning Dog & DJ Malatesta aus San Francisco (USA) und Mailand (Italien) und Acero Moretti aus Mailand (Italien) zu Gast in Berlin sein.

Sie werden ein Solikonzert für die anarchistische Bibliothek Tempest im KomaF in der Køpi (Köpenickerstrasse 137 in Berlin-Mitte) spielen.

Die anarchistische Bibliothek findet ihr in der Reichenbergerstrasse 63a in Berlin-Kreuzberg und im Netz unter: tempestlibrary.wordpress.com. Das Konzert findet im Rahmen einer Tour statt, weitere Infos darüber auf Entartete Kunst Records.

ddcl

Erschienen ist auch eine Best of-CD von Rapper Acero Monetti:
The Best Of… (Acero Moretti) CD featuring : La Plataforma, Drowning Dog, C.U.B.A. Cabbal, Piloophaz, Leleprox (produced by Acero Moretti & Malatesta)…
acm

…sowie die CD „Senza Padroni“ von Drowning Dog and Malatesta
featuring : Trauma, Acero Moretti, La Plataforma and more (produced by Drowning Dog & Malatesta)