Archiv für April 2014

Desechos

desechosgrupolive
Was gibt´s Neues bei den Desechos? Ein neues Album soll bald kommen….wir fragten per mail nach…(danke Alix fürs übersetzen!):
1. Wie sieht es aus mit der neuen Platte, wann wird sie erscheinen?
Wir haben Ideen für 14 neue Stücke, die machen wir im April fertig, um sie dann im Mai an verschiedenen Orten aufzunehmen. Gesang, Gitarren und Bläser werden in Paputxis Studio El Jabalí Sonriente eingespielt. Für das Abmischen und Mastern suchen wir noch ein Studio. Unsere Mittel für dieses Projekt sind gering. Wir gehen es mit unserer chaotischen Art der Eigenproduktion an.
In Kürze werden wir zwei neue Stücke vorab veröffentlichen, um die Leute zu motivieren und das Crowdfunding zu starten. Ich hoffe, dass die Platte im Mai fertig ist.

2 Könnt ihr uns schon etwas über das neue Album verraten? Wie wird es heissen und wo erscheint es?
So wie eines der neuen Stücke wird die Platte Miedo a estar vivo heißen: Lebensangst. Sie erscheint unter freier Lizenz, und wir sind für eine Zusammenarbeit mit jedem Label, das uns hier oder in Deutschland unterstützt, offen.

3 Und zu den einzelnen Songs, in welche Richtung wird es (auch textlich) gehen? Gibt es Gastauftritte befreundeter MusikerInnen?
Auf dem Album sind wie immer Ragga, Rap und Ska zu hören, aber auch Musikstile, in denen sich die Desechos bislang noch nicht bewegt haben, wie Psychobilly und Country im Westernstil. Die Texte sind stark durch die aktuelle gesellschaftliche Situation beeinflusst – die Abschaffung sozialer Rechte, Wohnungsnot, die Proteste dagegen, Polizeigewalt – und zwar jeweils aus unserem Blickwinkel als Betroffene.
Wir hoffen auf die Beteiligung einiger Gastmusiker, die allerdings noch nicht feststehen. Aber ein Stück möchten wir den alten Hechos Contra el Decoro widmen, und dabei sollen alle mitspielen, die damals bei Danza de Los Nadie dabei waren: Ramiro Quai (Schlagzeug), El Ruso (Gesang), Angelo (Trompete), Eva Reina (Gesang und Keyboard) und Andrés Belmonte (Bass).

4 Es ist eine lange Zeit seit dem letzten Album verstrichen, Dosymedia erschien 2007, Matatiempo mit einem neuen Song dann 2010…
Für uns ist es schwierig, gradlinig vorzugehen, weil wir alle inzwischen verschiedene Musik- und Arbeitsprojekte verfolgen. Unser Hauptziel ist, weiterhin live zu spielen, da wir viele Fans haben, denen unsere Konzerte Spaß machen.
Bei 90 Prozent unserer Auftritte kommen gerade mal die Unkosten rein und wir unterstützen damit Kollektive und Freiräume, was einerseits der Band und unseren Texten Sinn gibt – aber ökonomisch gesehen ist es ein Desaster.
Ich denke, wir haben unter diesen Umständen etwas sehr Wichtiges erreicht: Dieses gemeinsame Projekt, in dem einige von uns sich seit mehr als 15 Jahren kennen, macht uns Spaß, und wir können damit unsere kämpferische Überzeugung ausdrücken, ohne dass irgendjemand uns eine Richtung vorgibt.

5 Es war ja gerade der 20. Jahrestag des Aufstands der Zapatistas. Ihr ward mit eurer Vorgängerband Hechos Contra el Decoro in Mexico.
Wie hat euch der (Neo-) Zapatismus beeinflusst und wie kam es zu der Reise nach Mexico damals?

Das Auftreten der Zapatistas hat viele Leute, Kollektive und selbstverständlich auch Bands inspiriert. Die zapatistische Sprache war wie ein frischer Wind für linke und anarchistische Gruppen, die verstanden haben, dass der Kampf im Südosten Mexikos ein globaler Kampf gegen das gewalttätige Vordringen des Neoliberalismus war.
Wir haben 2000 in Mexiko-Stadt gespielt und waren zusammen mit indigenen und zapatistischen Kollektiven an so legendären Orten wie dem Foro Alicia, wo wir die Bühne mit der Band 99 Posse aus Neapel geteilt haben, und bei einem Massenevent auf dem Zocalo-Platz, wo wir mit Maldita Vecindad und Panteon Rococó aufgetreten sind, zwei kämpferischen Bands aus Mexiko.
Wir haben den Sampler Los ritmos del Espejo rausgebracht, den wir mit der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft CGT in Madrid und ihrer Chiapas-Unterstützungsgruppe produziert haben. Darauf finden sich u.a. Stücke von Fermin Muguruza, Boikot, Habeas Corpus und Amparanoia sowie unser Un mundo donde quepan muchos mundos (Eine Welt, in der viele Welten Platz haben) von der Platte Danza de Los Nadie (Gora Herria), das wir seit Kurzem wieder bei Auftritten spielen.
Vor Jahren haben wir am „Europäischen Treffen für die Menschheit und gegen den Neoliberalismus“ teilgenommen, das 1997 in Prag stattfand, und am „Zweiten intergalaktischen Treffen“, bei dem ein Zug von Katalonien aus zur Finca El Indiano in Andalusien fuhr, wo es ein unvergessliches Konzert gab, bei dem Delegierte der EZLN waren, die für das Treffen die Reise nach Spanien unternommen hatten.
Der Zapatismus ist weiterhin bei vielen Gelegenheiten präsent, wenn wir mit anderen Gruppen zusammenarbeiten, die ihn auf ihre Weise interpretieren, wie Lucha Amada in Deutschland oder Payasos en Rebeldía hier in Spanien. Und auch in dem Film Caminantes von Fernando León, bei dem Angel Luis, „El Ruso“ (Hechos Contra el Decoro) an der Regie beteiligt war und Paputxi den Soundtrack mit indigenen Gitarren gemacht hat.

6 Gibt es Pläne für Konzerte in Deutschland?
Wenn wir die Platte fertig haben, wollen wir wieder in Deutschland auf Tour gehen. Das ist für uns immer großartig. Wir haben dort viele wirklich gute Freunde und finden es sehr bereichernd, aus erster Hand die Formen der Selbstorganisierung der Kollektive, mit denen wir dort zu tun haben, kennenzulernen.
www.desechosweb.com

Potato auf Tour!

potato
Die baskische Ska & Reggae Legende Potato kommt wieder auf Mini-Tour:

01.05. Hamburg, Centro Sociale
02.05. Berlin, Tommyhaus
03.05. Berlin, Rote Insel

Potato gründeten sich vor 30 Jahren!
Wer kennt sie nicht, die Hits wie „Rula“? Oder „La Clase Obrera“ oder „Aún Quedan“?

www.potatobanda.com

Hier ein älterer Text über Potato aus der taz, von Knut Henkel (2009)
„SKA-REGGAE
Vor gut zwei Jahren wollten „Potato“ schon aufhören. Aber die Fans ließen sie nicht. Am Mittwoch sind die Mestizo-Veteranen aus dem Baskenland im Hafenklang

VON KNUT HENKEL

In Vitoria, mitten im Baskenland, steht die Wiege der heißesten Kartoffeln Spaniens. „Potato“, Kartoffel, nennt sich die Band, und manchmal stellen die Musiker noch ein „Banda“ hinter ihren ungewöhnlichen Namen, damit auch allen klar ist, dass es nun Musik gibt und nichts zu Essen.

Zwischen Bizkaia, Gipuzkoa, Vitoria und Pamplona ist das allerdings nahezu jedem Basken klar, denn in 25 Jahren Bandgeschichte hat die Band um die drei Gründungsmitglieder Pedro Espinosa, Juan Boriko und Paco Lopez-Moya wohl schon an jeder Straßenecke aufgespielt. Reggaevibes und Schunkel-Ska hat die achtköpfige Band im Angebot, und mit dieser Mischung trat sie 1984 an, um den Resten des Franquismus musikalisch den Garaus zu machen. Für frischen Wind wollten „Potato“ sorgen, Missstände anprangern, aber dabei auch Spaß haben.

Und dafür ist der „Potato“-Sound optimal geeignet. So sind „Potato“ im Laufe der Jahre zu den Urgroßvätern und müttern der beileibe nicht gerade kleinen spanischen Ska-Reggae- und Mestizo-Szene geworden.

Neun Alben haben die Kartoffeln im Laufe der Jahre aufgenommen, haben ihre Stimme für die MigrantInnen und gegen die Ausplünderung ihrer Heimatländer in Lateinamerika und anderswo erhoben. Und tun das auch heute noch.

Allerdings nicht ganz freiwillig, denn die Fans lassen „Potato“ nicht von der Bühne. Vor gut zwei Jahren wollte die Ska-Kapelle Adiós sagen und trat in ihrer Heimatstadt Vitoria / Gasteiz über 50-mal an verschiedenen Orten auf. Doch aus dem Abschied wurde letztlich nichts – die rund 10.000 Fans redeten ihn ihren Idolen schlicht aus. Tausende von Downloads, Nachfragen und Bitten um Auftritte belegen das und sorgten dafür, dass aus der Farewell-Tour der Auftakt zur Kartoffel-Tour durch Deutschland wurde. Die scheint den charmanten Basken so gut gefallen zu haben, dass sie nun schon wieder Hamburg unsicher machen. Ein Tag vor dem Jahreswechsel mischen sie das Hafenklang auf.“ (Achtung, dieses Jahr nicht im Hafenklang, sondern am 1. Mai im Centro…)

Kann Vandalismus politisch sein? „Multi Viral“ – das neue Album von Calle 13

aus ila 374
www.ila-web.de

Sie haben ein Anliegen. Sie sind absolut populär. Sie sind die all-(latin)-
american Superpopstars des 21. Jahrhunderts – die ehemaligen Reggaetoneros Calle 13 aus Puerto Rico. Das Geniale am lateinamerikanischen Pop: Da haben auch Leute Erfolg, die dezidiert politische, linke Texte verbreiten. 19 Mal den Grammy Latino sowie zwei Grammys hat die Band bisher eingeheimst, dabei haben sie Messages noch und nöcher, bis zum Pamphlet. Das ist manchmal etwas dick aufgetragen, aber so kennen und mögen wir sie ja. Dieses Mal geben sich einige internationale Stars und linke lateinamerikanische Kulturgrößen die Ehre bei dem fünften Studioalbum von Calle 13, dem ersten, das auf ihrem eigenem Label und lediglich digital erschienen ist. Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano spricht ein zärtliches Intro, der cubanische Trovador Silvio Rodríguez singt mit seinem unverwechselbaren Organ den Refrain des romantischen „Ojos Color Sol“, Tom Morello von der US-Band Rage against the Machine spielt die rockige Gitarre beim titelgebenden Stück des Albums „Multi Viral“.

Pünktlich mit Erscheinen des Albums am 1. März begann in Buenos Aires die Lateinamerikatour der Band, die live mittlerweile ein Trio ist, da neben den Brüdern Réne Pérez (alias „Residente“) und Eduardo Cabra („Visitante“, seines Zeichens Komponist und Producer) nun auch Schwester Ileana Cabra zum festen Bandkern gehört. Jeder, der ein Konzertticket kauft, bekommt eine download-Karte für das digitale Album. Dass es danach hochgeladen und kopiert wird, gehört zur kalkulierten Strategie der „multi-viralen“ Weiterverbreitung des Albums, die auf klassische Werbekampagnen weitestgehend verzichtet.

Laut Texter und Leadsänger René Pérez sind die Lyrics auf dem neuen Album „existentieller“ als früher. Themen wir Leben und Tod spielten nun eine größere Rolle in seinem Leben. In „Adentro“, einer düsteren und epischen Tirade gegen Konsumgesellschaft, Narcogewalt und deren Verherrlichung im Hiphop, will Residente seine eigenen Widersprüche thematisieren, da auch er nicht gegen protzige Statussymbole gefeit sei: „Unsere Konsumgesellschaft gibt selbst in den heutigen Krisenzeiten den exzessiven Luxusgütern so viel Bedeutung, dass sich viele Jugendliche sprichwörtlich dafür umbringen lassen“, erklärt er seine Botschaft des Stücks. Im dazugehörigen Videoclip wird der Vokalist gezeigt, wie er mit einem Baseballschläger seine Luxuskarre, einen sündhaft teuren Maserati, zerstört und in Flammen aufgehen lässt: Vandalismus trifft Consciousness, was jedenfalls schön anzusehen ist.

Im Juli vergangenen Jahres traf sich René Pérez mit Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London. Zusammen mit der Wiki-Leaks-Ikone nahmen Calle 13 das titelgebende Stück „Multi Viral“ auf, in dem die Manipulation einiger Medien kritisiert wird.

Für den dubbigen Reggae-Track „Perseguidos“ wurde der französische Sänger Biga Ranx mit ins Boot geholt. Musikalisch überrascht die zweite Singleauskopplung, „El Aguante“: Keltische Flöten und Fideln treffen auf digitale Bässe und wahnwitzige Reime über Dinge, Personen, Umstände, die der moderne Mensch ertragen muss. Warum diese irisch anmutende Ode an das „Aushalten“? „Irland hat den Ruf, fröhliche, trinkfeste und vor allem im Widerstand erprobte Menschen zu beheimaten“, erläutert René Pérez, „deshalb die Analogie zu allem, was wir in Geschichte, Gegenwart und Zukunft aushalten müssen“.

Neben den aufwändig produzierten Videos zu einzelnen Stücken, den fetten Bässen, streichergesättigten Arrangements sowie den beteiligten Promis ist und bleibt die wichtigste Zutat das, was Calle 13 schon immer auszeichnete: die begnadeten Textsalven von Sänger/Rapper René Pérez, die in Gänze nur von des Spanischen mächtigen Fans genossen werden können. Und alle, die schon das Gänsehautstück „América“ der letzten Calle 13 CD liebten, werden auch von „Multi Viral“ begeistert sein.

Britt Weyde

Calle 13, „Multi Viral”, El Abismo 2014

Videoclip von „Adentro”: