Archiv für September 2015

Neue ila mit Interviews mit Kumbia Queers & Sara Hebe

ila388
Die neue ila (Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika), Nr. 388, mit dem Schwerpunkt Haiti, wartet mit 2 interessanten Interviews mit den Kumbia Queers und mit Sara Hebe auf. Beide waren im Sommer auf Europa-Tour. Die ila stellte uns die mit ihnen geführten Interviews zum Abdruck zur Verfügung…

Conscious-Cumbia mit hohem Spaßfaktor
Ein Gespräch mit den Kumbia Queers aus Buenos Aires
kumbia new
Vor knapp sechs Jahren lernten wir die Musikerinnen der Kumbia Queers persönlich kennen, die der in Lateinamerika so ubiquitären Cumbia zu ihrer punkig-ironischen Erneuerung verholfen haben (zuvor gab es bereits ein virtuelles Interview, siehe Beitrag in ila Nr. 305 „Dein Strandtuch macht mich schwindelig“). Fast ist man versucht, von der Lieblingsband der ila zu sprechen, schließlich wurden auf dem Konzert in Köln im Juli 2015 ein gutes halbes Dutzend ila-Redaktionsmitglieder gesichtet. Ein idealer Zeitpunkt, um eine Zwischenbilanz zu ziehen: Wie geht es den Kumbia Queers im Sommer 2015, was hat sich verändert, wohin soll die Reise gehen?

VON BRITT WEYDE
Kurz vor dem Auftritt ist die Stimmung gut, die vierwöchige Europatournee im Sommer nähert sich ihrem Ende. Sängerin Juana: „Alles super. Die Tour ist toll gelaufen.“ Gitarristin Pilar, die die Tour schwanger über die Bühne gebracht hat, erzählt, dass das Touren für sie erstaunlich gut funktioniert habe. „Zum Glück gibt es hier so viel leckeres alkoholfreies Bier“, sagt sie lachend. „Aber das ist schon verrückt, unsere Tour 2011 trug den Titel Livin’ la birra loca, jetzt sind wir beim Viva con agua angelangt, mit Wasser
(über)leben!“
Was hat sich in den letzten fünf Jahren bei der Band getan? „Wir haben drei neue Platten veröffentlicht, haben die USA, Kolumbien, Brasilien, Dänemark, Polen, die Tschechische Republik, das Baskenland kennengelernt“, rattert Juana runter. „Und zuletzt gab es eine Änderung in der Besetzung. Ali, die vorher gesungen und die Güiro, die Ratschgurke, gespielt hat, ist gegangen.“ Wie kam es dazu? Bassistin Patricia erzählt: „Eine Gruppe mit so vielen Leuten über die Entfernung zusammenzuhalten, ist schwierig. Ali war häufig monatelang am Stück in Argentinien, was ihrem Job als DJ entgegenstand. Und wenn sie nicht da war, konnten wir nicht auftreten, zuletzt waren wir fast ein Jahr lang nicht mehr in Argentinien aufgetreten.“ Pilar ergänzt: „Die Entfernung hat uns das Leben schwer gemacht. Für Ali war es auch kompliziert, sie lebt nun mal in Mexiko. Irgendwann wollte sie wieder mehr bei sich zu Hause sein und ihre Sachen machen.“ Wer die Kumbia Queers schon einmal live gesehen hat, weiß, dass Ali als Frontsängerin ziemlich präsent, um nicht zu sagen eine ganz schöne Rampensau war. Patricia führt weiter aus: „Wir haben ein Jahr lang gebraucht, um die Entscheidung zu treffen, es ist uns nicht leicht gefallen.“ Pilar weist darauf hin, dass jetzt mehr Mitglieder das Mikro aktivieren: „Keyboarderin Flor und Bassistin Patricia singen jetzt mehr. Juana hat vorher schon die Hälfte der Lieder gesungen, übernimmt nun noch mehr und spielt die Maracas im Vordergrund. Die Tatsache, dass Flor und Patricia mehr singen und nach vorne gehen, hat das Ganze etwas geöffnet. Ich finde, das sind ziemlich gute Veränderungen.“ Wie reagiert das Publikum darauf? Juana: „Sehr gut, immer besser. Wir fangen an zu spielen und die Leute gehen total ab, sie kommen mit der Bereitschaft, sich vergnügen zu wollen.“ Pilar fügt an: „Dem Publikum bedeuten solche Veränderungen viel weniger als der Band oder den JournalistInnen! Das hat uns überrascht, aber: Wir fangen an zu spielen und die Leute freuen sich einfach.“ Patricia findet die Veränderung auch positiv: „Das zeigt, dass die einzelne gar nicht so wichtig ist, sondern dass wir als Gruppe gut funktionieren. Unsere ehemalige Frontfrau ist nicht mehr mit dabei, aber die Band macht weiter, das ist doch super! Der Individualismus hat da keine Chance, du gibst dich ganz der Energie der Band hin.“

Dieses Jahr haben die Kumbia Queers ein neues Album herausgebracht, Canta y no llores, benannt nach der Refrainzeile des berühmten mexikanischen Folkloreschmachtfetzen Cielito Lindo. Da drängt sich die Frage auf, wie hoch der Anteil von Songs über (verflossene) Liebe im Repertoire der Kumbia Queers ist. Gitarristin Pilar führt aus: „Das ist eben ein typisches Cumbiathema. Natürlich gibt es auch in der Cumbia Lieder mit kämpferischen Inhalten, aber in den allermeisten Fällen drehen sich Cumbiatexte um die Liebe. Das war ja auch der Witz am Anfang unserer Bandgeschichte: Wir haben dieses Topic aufgegriffen, aber auf vollkommen andere Art und Weise, die Liebe zwischen Frauen, witzige leichtfertige Liebesgeschichten statt ernster Dramatik. Aber irgendwann haben sich auch andere Dinge durchgesetzt. Unsere neueste Platte hat viele Themen, die uns betreffen oder berühren, ein Lied etwa handelt von Gewalt in einer Paarbeziehung.“ Der Song Contraindicaciones wird von Keyboarderin Flor gesungen. Noch mal Pilar dazu: „Darin heißt es: ‚Wir sind die Nebenwirkungen, die Gegenanzeigen dieses Systems.’ Du musst auf eine bestimmte Art und Weise funktionieren, aber zum Glück gibt es Gegenanzeigen, weil dieses kapitalistische individualistische System, mit dem wir ganz und gar nicht einverstanden sind, die Krankheit ist. Das System will alle Leute, die weiter kämpfen, die sich dazu entschieden haben, anders zu leben und sich anders in Beziehung zu setzen, beseitigen oder einhegen. Das wird es zum Glück nicht können, weil es die ‚Gegenanzeigen’ immer geben wird. Trotzdem sind diese Stücke auch tanzbar.“
Es gibt auch neue Sounds, im Song Tanto me quería singt Juana mit autogetunter Vocoderstimme, dazu erklärt sie: „Das wollte ich schon lange machen, aber wir wussten wir nie so genau, wie man das gut macht, jetzt war es so weit. Das ist ein sehr polemischer Effekt, denn diese Stimmverzerrung kommt stark im Pop zum Einsatz, ebenso im Reggaeton, den man entweder liebt oder hasst, auch innerhalb dieser Gruppe!“ Pilar fügt hinzu: „Wenn wir aufnehmen, versuchen wir alles zu machen, worauf wir Lust haben. Auf einem Stück der neuen Platte singt ja auch Sara Hebe mit. Uns gefiel, was sie macht, ihr gefielen unsere Sachen und so haben wir sie ins Studio eingeladen.“ Ist die Cumbia in Argentinien nach wie vor so stark wie vor fünf, sechs Jahren, als die Kumbia Queers anfingen, in dieser Formation Musik zu machen? Das Genre hat ja fast schon einen Klassikerstatus. Juana bejaht die Frage: „Nach wie vor entstehen neue Strömungen, diversifiziert sich das Genre.“ Schlagzeugerin Inés meint: „Es gibt immer noch die Unterscheidung zwischen der Party-Cumbia der eher einfachen Leute und der etwas elitäreren Disco-Cumbia.“ Und die Kumbia Queers, sind sie in ihrer Nische einzigartig? Juanas Antwort kommt schnell: „Wir sind die besten in der Nische. Quatsch, ich weiß nicht, ob wir wirklich einzigartig sind. Wenn wir in einer argentinischen Stadt auftreten, in der wir noch nicht waren, kommen irgendwelche Gruppen zu uns und sagen: ‚Wir haben auch angefangen, Cumbia zu spielen, ihr habt uns dazu inspiriert. Insgesamt gibt es immer mehr Cumbiagruppen oder auch Rock- oder Punkgruppen, die sich der Cumbia annähern.“
Einzelne Mitglieder der Kumbia Queers verfolgen zusätzliche Projekte. Juana zeigt auf den Bauch von Pilar und sagt „Hier haben wir das Projekt von Pilar!“ (wobei später alle sagen, dass es auf jeden Fall ein Bandbaby werden soll, je mehr sich kümmern, desto besser). Bassistin Patricia hat Bücher veröffentlicht und eine Punkrockbuchmesse mitorganisiert. „Buenos Aires hat eine starke Bewegung von kleinen, unabhängigen Verlagen. Diese Messe gibt es seit dem Jahr 2012 und sie läuft sehr gut“, erzählt sie. Wie ist es um zukünftige Pläne bestellt? Juana meint: „Erst mal wollen wir uns ausruhen. Naja, und dann wollen wir weiter Platten herausbringen, reisen, auftreten, dabei Spaß haben. Eine konkrete Idee besteht darin, mit einer Tangomusikerin einige Lieder der großen Tangodame Tita Merello zu covern oder mit der befreundeten Band Señor Tomate zusammenzuarbeiten.“ Außerdem fehlen noch einige Regionen, wo sie noch nicht aufgetreten sind: „Japan steht an, einige argentinische Ecken oder Länder wie Paraguay oder Bolivien, wo es sehr schwierig ist, Touren zu organisieren, weil die Leute so wenig Kohle haben. Das wäre ein Traum, dort mal aufzutreten“, meint Pilar abschließend.

Kumbia Queers, Canta y no llores (2015),
Anspieltipps: Contraindicaciones, Plantala

www.kumbiaqueers.com.ar

Verdammter Bullensohn
Interview mit der argentinischen Rapperin Sara Hebe

Ihre Texte sind eloquent, pointiert, voller Wortspiele und bissiger Kritik. Sie bezieht Stellung gegen Monsanto, Megabergbauprojekte oder die Räumung von Wohnprojekten. Die heute 32- jährige Sara Hebe schrieb ihre ersten Raptexte und -lieder im Rahmen eines Theaterprojekts, und dem Genre Hiphop näherte sie sich über das Tanzen an. Das passt, schließlich sagt sie über sich selbst, dass sie „eher aus dem Bauch heraus“ agiere. Ihre Raps sind politische Kommentare, aber sie selbst weist darauf hin, dass es ihr einfach ein persönliches Bedürfnis sei, bestimmte Kämpfe zu begleiten. Dahinter stecke keine bestimmte politische Richtung, aber vielleicht hätte das auch mit der neoliberalen Leere der 90er-Jahre zu tun, in der sie groß geworden ist. Nach der Wirtschaftskrise 2000/2001 spielte sie in einem Theaterstück über die besetzte Druckerei Patricios in Buenos Aires mit. Bei diesem Stück führte der argentinische Theatermacher Norman Briski Regie. „Am Schluss gab es ein Lied mit einem wunderbaren Text, der zusammen mit den beteiligten ArbeiterInnen und ihren Familien entwickelt worden war, Himno de nuestras fábricas recuperadas (Hymne unserer besetzten Fabriken). Als ich diesen Text las, bekam ich Lust, ihn zu rappen“, erzählt Sara vor ihrem Auftritt in Köln im Sommer 2015.

Dein Weg zum Rap scheint durch einen Zufall befördert worden zu sein, oder?

Nichts ist zufällig, alles hat seine Gründe. Schon als kleines Mädchen sang und tanzte ich gerne und veranstaltete zusammen mit FreundInnen Konzerte, inklusive Verlosungen und anderem. Ich ging zu allen Tanzkursen, die es gab, ich verkleidete mich und erzählte von meinem großen Traum, auf Tour mit meiner Show zu gehen. Dieses Spiel wurde später Ernst. Ich spiele zwar kein Instrumente und stamme aus keiner Musikerfamilie, aber ich wollte schon immer was mit Musik machen. Allerdings bezeichne ich mich selbst weder als Sängerin noch als Schauspielerin oder Tänzerin. Nach der Schule begann ich mit einem Jurastudium, weil ich mich für andere, weniger Privilegierte einsetzen wollte. Aber dann kam dieses Theaterstück und mir wurde klar, dass das Rappen mein heimlicher Wunsch war und ich nichts Anderes machen wollte. Da kam einiges zusammen, mit Musik können ja auch Kämpfe begleitet oder Dinge kommuniziert werden.

Wie wirst du von den argentinischen Medien aufgenommen?

Sehr gut. Da habe ich Glück. Mein Produzent und Mitmusiker Ramiro Jota (der bei Liveauftritten Gitarre und Bass spielt, Samples bedient und singt, d. Red.) und ich haben jetzt drei Platten herausgebracht, die erste, La hija del loco, mit der ich noch als Solistin unterwegs war, kam 2009 heraus und mittlerweile sind wir so bekannt, dass wir auch ins Fernsehen eingeladen werden oder dass in Radios wie Radio Rock Nacional unsere Stücke laufen. Das Community Radio FM La Tribu hat von Anfang unsere Sachen gespielt. Dort habe ich ein Jahr lang ein Programm gemacht namens La mar en coche (1): Darin habe ich improvisiert und die Nachrichten des Tages gerappt.

In der argentinischen Presse wirst du als „wütende Frau“ dargestellt. Deine Auftritte sind energiegeladen, aber als wütend würde ich sie nicht bezeichnen. Siehst du dich selbst als wütende Person?

Ja. Ich werde schnell sauer. Ich rege mich schnell auf, bin nicht besonders geduldig.

Also eine Frage des Temperaments! Lässt du die Wut dann in die Texte fließen?

Ja, und dafür braucht man leider viel Geduld! Sich hinsetzen, den Text schreiben, die Wörter finden, Dinge, die mir draußen begegnen, aufschreiben, mit anderen Elementen anordnen. Einige Texte entstehen in einer Nacht, während ich die Musik höre. Ramiro schickt mir die musikalische Grundlage und ich schreib dann für mich alleine den Text oder gehe ins Studio und improvisiere auf die Musik. Für andere Texte wiederum brauche ich sehr lange.

Was sind eure musikalischen Inspirationsquellen? Wie ist deine eigene musikalische Biografie verlaufen?

Ich stamme aus der Provinz Chubut in Patagonien und da es zu meiner Teenagerzeit noch kein Internet gab, hörte ich einfach alles, was bei uns ankam. Argentinien ist ein sehr zentralistisches Land und Buenos Aires war sehr weit weg. Ich hörte also alles, was im Radio lief, mir gefiel vor allem Rockmusik. Cumbia läuft viel in unserer Stadt, aber auch die Murga (die Gesänge und der Rhythmus, die an Karneval Politik und Gesellschaft kommentieren) gefällt mir sehr gut und die mische ich mit Cumbia-Elementen. Ich komme nicht rein vom Hiphop. Natürlich hörte ich früher Actitud María Marta, eine argentinische Frauen-Hiphop-Combo, die einen Pionierstatus haben. Aber mein Musikgeschmack ist sehr breit gefächert. Bei La vida no haben wir zum Beispiel eine orientalisch klingende Musik. Ich hatte ein Textfragment geschrieben, ging in Ramiros Studio, machte eine Aufnahme vom Rap. Er hatte dann diese Musik schon vorproduziert und es passte hervorragend zusammen. Ramiro hatte zu diesem Zeitpunkt viel indische Musik gehört, von daher dieser orientalische Einschlag.

Noch mal zurück zur Wut: Es gibt vieles, was einen wütend machen kann. Was ruft in dir die größte Wut hervor?

Was alles so passiert, in der Stadt, auf der Welt und in unserem Land, das ruft vielmehr Traurigkeit und Schmerz in mir hervor. Die Wut kommt erst danach. Alle Ungerechtigkeiten sind so schmerzhaft und traurig. In Argentinien haben wir zwar gerade akut keine Krise, aber es geht denselben Leuten wie immer schlecht. Griechenland befindet sich gerade in einer schweren Krise, was ich unglaublich finde, dass so etwas passieren kann, wie es einer Gruppe von Mächtigen so scheißegal sein kann, dass ein ganzes Land verhungert! Das macht mich zutiefst traurig. Gut, die Wut entfaltet sich dann in den Songtexten oder wenn ich mich auf der Straße mit jemandem anlege oder wenn mir irgendwelche bescheuerten Typen auf die Nerven gehen. Wir müssten die Wut besser organisieren, aber das passiert leider nicht. Die Wut kollektiv organisieren, das fehlt gerade, eine starke Bewegung, damit die Leute nicht mehr ökonomisch beherrscht werden können. Aber es ist auch echt schwierig, denn der Repressionsapparat ist so gewaltig und schlägt beim ersten Mucks los. In Buenos Aires ist schon wieder eine rechte Stadtregierung gewählt worden, die einfach nur fürchterlich ist, unter der PRO-Partei von Mauricio Macri. Sie bekommt immer mehr UnterstützerInnen oder sie tut zumindest so als ob. Die politischen Aussichten sind meiner Meinung nach ziemlich
beschissen.

In einem deiner Songs fasst du im Text ganz viel und ziemlich genial zusammen, was schlecht läuft auf der Welt: Cacho. Weißt du noch, vor welchem Hintergrund du diesen Text geschrieben hast?

Dafür habe ich ewig gebraucht, das ist ja auch ein langer Text, und ich wollte darin alles aufzeichnen, was in diesem kapitalistischen System, in dem wir leben, alles passiert. Der Sample, den Ramiro dazu produziert hat, stammt aus einem berühmten argentinischen Film, Esperando la Carosa, und ist ziemlich genial. Der Text ist nicht besonders geplant entstanden, er beginnt mit dem hijo de puta („Hurensohn“) und endet mit dem hijo de yuta – yuta sagt man in Argentinien zum Polizisten, also „Bullensohn“ Ich finde, der yuta ist viel schlimmer als die puta, denn das ist ein Ausdruck, der Frauen herabwürdigt. Dieses Schimpfwort – hijo de puta – werden wir vielleicht nie ersetzen können, aber das war zumindest mal ein praktischer Versuch von mir, die Sprache zu verändern: hijo de yuta statt hijo de puta! Ein winziger Versuch, die Sprache, den Diskurs und somit die Realität zu verändern.

Hiphop in Argentinien ist nicht besonders Mainstream, oder?

Mittlerweile gibt es schon eine Menge guter Bands und Jungs und Mädels, die rappen. Wen ich auf jeden Fall empfehlen kann, das ist der Rapper Asterisco, der einen sehr politischen, kämpferischen Rap macht. Seine Texte sind sehr lyrisch und gleichzeitig wie eine Reportage. Meine Poesie ist eher wie ein Rhizom, ein Wurzelgeflecht. Es gibt schon einige ziemlich gute Leute in Argentinien, aber die Hiphopszene ist in Ländern wie Kolumbien, Venezuela oder auch Mexiko auf alle Fälle größer. Weil Argentinien immer stärker von Europa beeinflusst war, dominierte bei uns lange die Rockmusik.

Kannst du von der Musik leben?

Bis vor kurzem machte ich noch andere Jobs, Gelegenheitsjobs wie Babysitten etc., aber im Moment mache ich nur Musik, was mir ziemlich luxuriös erscheint.

Mit wem würdest du gerne mal eine Tour machen?

Gerade sind wir hier zusammen mit den Kumbia Queers unterwegs, was wirklich toll ist. Hmm, und sonst? Mir gefällt Keny Arkana sehr gut, aber auch La Mala Rodríguez, das wären schon mal zwei sehr unterschiedliche Kandidatinnen, aber mir gefallen nun mal die starken Gegensätze. Ich mag auch Cristián Álvarez, ein argentinischer Rockmusiker, dessen Bands immer schon leichte Hiphopanklänge hatten, die Viejas Locas oder die Intoxicados. Salvaje Decibel ist eine exzellente Hiphopband aus Chile und natürlich Ana Tijoux, die liebe ich. Das wäre ein Traum, mit ihr die Bühne zu teilen. Im Moment ist uns wichtig, unsere letzte Platte zu präsentieren: Colectivo Vacío ist noch ziemlich frisch, vor zwei Monaten herausgekommen, nach drei Jahren Arbeit! Hoffentlich dauert es nicht wieder drei Jahre, bis das nächste Album fertig ist. Aber unsere erste Europatour diesen Sommer war super und ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr wieder!

1) spanische Redewendung vom Anfang des 20. Jahrhunderts: Wer sich leisten konnte, „mit dem Auto ans Meer zu fahren“, war sehr reich. Heutzutage bezogen auf etwas überzogene Wünsche – alles haben wollen – oder am Ende einer Aufzählung gebräuchlich.

Das Interview führte Britt Weyde
am 24. Juli 2015 in Köln.

Sara Hebe, La hija del loco, 2009
Sara Hebe, Puentera, 2012, Anspieltipps: Triple Nac, Asado de FA
Sara Hebe, Ramiro Jota, Colectivo Vacío, 2015, Anspieltipps: Cacho, Ho!

Und weil die ila so spannend ist, auch ohne Musikbeiträge, hier noch das aktuelle Editorial zum Reinlesen, kauft oder abonniert die ila am besten gleich…

„Schulden und Migration – die Themen im Sommer 2015. Migration: Da zeigt sich die Kontinuität des faschistischen Mobs in Heidenau und anderswo. Da springen aber auch viele freiwillige HelferInnen in die Bresche und dringt der Begriff „Einwanderungsland“ langsam in breitere Kreise vor. Gleichzeitig ist die Rede von neuen Kriegsschiffen und Drohnen im Mittelmeer „zur Bekämpfung der Schleuser“. Schulden: Diesen Sommer wird deutlich, wie ein Schuldenregime die Demokratie offen untergräbt, ein Land ins Elend treibt, mit aussichtslosen Kreditpaketen Ungleichheit und Abhängigkeit zementiert und en passant eine unliebsame Linksregierung entsorgt, die sich erdreistet hatte, den europäischen Status Quo anzukratzen.

Wie kann das mit Haiti zusammen gedacht werden, unserem aktuellen Schwerpunktthema? Haiti, das erste Land der Welt, das die Sklaverei abschaffte, wurde ebenso abgestraft. Immer wieder, mit Waffengewalt und mit den Waffen des Finanzsystems. Und ein Migrationsdrama erleidet Haiti aktuell ebenfalls.

Für seine Unabhängigkeit im Jahr 1804 musste Haiti 150 Millionen Francs Reparationszahlungen an Frankreich leisten, als Bedingung der ehemaligen Kolonialmacht für die Wiederaufnahme diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen. Erst 1947 sollten diese Schulden abgegolten sein. Auch bei der US-amerikanischen Besatzung Haitis, die vor 100 Jahren am 28. Juli 1915 begann, spielten Schulden eine Rolle. Die sogenannte „Dollar-Diplomatie“ unter US-Präsident William Howard Taft (1909-1913) hatte eine großzügige Kreditvergabe in der Region gefördert, wohl auch, um aus Haiti die imperialistische Konkurrenz des Deutschen Reichs zu verdrängen, das in der Karibik mit Handelsniederlassungen und Kanonenbooten präsent war. Doch dann bekamen US-amerikanische Banker kalte Füße, fürchteten um die Rückzahlung ihrer Kredite. Eine militärische Expedition holte sich das Geld – eine halbe Million US-Dollar – kurzerhand aus dem Tresor der haitianischen Nationalbank zurück. Das war im Dezember 1914.

Die US-Besatzung Haitis dauerte bis 1934 an und hinterließ ein anderes Land: Die Plantagenökonomie wurde restauriert, eine neue Verfassung geschrieben, Landbesitz für Ausländer wieder zugelassen, Infrastruktur und Institutionen zentralisiert. Gleichzeitig wurde der Widerstand aus der Bevölkerung brutal niedergeschlagen, renitente HaitianerInnen mussten Zwangsarbeit leisten. Viele aktuelle strukturelle Probleme des Landes sowie die andauernde Abhängigkeit haben in dieser Zeit ihren Ursprung.

Mit der US-Besatzung begann auch eine Auswanderung größeren Maßstabs. Heutzutage lebt ein Drittel der haitianischen Bevölkerung außerhalb des Landes – die größten Communities gibt es in den USA, in Kanada, Frankreich und der Dominikanischen Republik. Nach dem Erdbeben vom Januar 2010 gingen HaitianerInnen auch verstärkt nach Brasilien. Ende 2014 verzeichnete das brasilianische Justizministerium 30 000 haitianische Einwanderer (für den Zeitraum 2010 bis 2014), vor allem in den Städten Curitiba, São Paulo und Cascavel. Weltweit ist zu beobachten, dass MigrantInnen häufig dort Zuflucht suchen, wo das Übel (für ihre Länder) herkommt. Von daher zeigt der Slogan „Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört“ der Jenaer Flüchtlingsselbstorganisation The Voice erneut, wie aktuell er ist.

Eines dieser Übel ist in Haiti die „UN-Stabilisierungsmission für Haiti“ – MINUSTAH, die seit Juni 2004 im Land ist – unter brasilianischem Kommando. Von den gut 13 000 stationierten Einsatzkräften stammt etwa ein Fünftel aus Brasilien. Ursprünglich startete diese Mission, „weil von Haiti eine Gefahr für die Stabilität und Sicherheit der Region ausgeht“. Dabei geht eine ganze Menge Gefahr von der MINUSTAH selbst aus – auf ihr Konto gehen der Ausbruch einer Cholera-Epidemie, Vergewaltigungsfälle, Kinderprostitution sowie brutale Einsätze in Armenvierteln. Das MINUSTAH-Mandat ist Jahr für Jahr verlängert worden, obwohl Haiti eine viel geringere Rate gewalttätiger Verbrechen hat (8,2 auf 1 000 000) als etwa Jamaica (54,9) oder Brasilien selbst (26,4).
Und in Haitis Nachbarland, der Dominikanischen Republik, erkennen die Regierenden den DominikanerInnen haitianischen Ursprungs einfach mal die Staatsbürgerschaft ab – der Gipfel an menschenverachtendem und unfähigem Umgang mit MigrantInnen, der in hiesigen Medien nur randständige Beachtung findet.

Eine gute Nachricht gibt es dann aber doch. Der Film „Mord in Pacot“ des haitianischen Regisseurs Raoul Peck, der diesen Monat in die deutschen Kinos kommt, ist von der Jury der Evangelischen Filmarbeit als „Film des Monats September“ ausgezeichnet worden (www.epd-film.de/filme/mord-pacot). Der Spielfilm über die sozialen und moralischen Folgen der Erdbebenkatastrophe ist packendes, großes Kino. Und er bietet, extrem verdichtet, eine Menge Erklärungen über Haiti, über seine (historischen) Abhängigkeiten und herrschenden Machtbeziehungen.“

Neues von Aspencat

Aspencat aus Valencia – waren vor kurzem auch zu Gast bei uns im Clash (Berlin) – haben ein neues Meisterwerk veröffentlicht: „Tot és ara“ – das sind 14 neue Songs mit einer Mischung aus Reggae, Dancehall, Raggamuffin & Dubstep und politischen Lyrics. Gäste auf dem Album sind u.a. Esne Beltza, La Gossa Sorda und Train To Roots.

Das Album könnt ihr auf ihrer Seite www.aspencat.cat oder direkt -> hier runterladen.

Live-Mitschnitt von Esne Beltza bei Funkhaus Europa: Dienstag, 08.09.2015 – Esne Beltza: El pueblo unido!

Bei Esne Beltza knallt’s. Der Mestizo-Sound der Politpunker aus dem Baskenland kommt mit deftigen und bläserlastigen Off-Beats daher. Dazu werden radikale Lyrics mit Forderungen nach Freiheit der politischen Gefangenen und Unabhängigkeit des Baskenlandes gereicht.

Live im Radio
World Live | Morgen, 8. September 2015, 23.00 – 00.00 Uhr

Esne Beltza, das heißt „Schwarze Milch“. Im Sinne von: weiße Musiker machen Musik aus aller Welt. Das baskische Kollektiv stammt aus Gipuzkoa im Herzen des Baskenlands. Die Hälfte der Truppe stammt aus der Band des bekannten baskischen Underground-Stars Fermin Muguruza. Aber auch Esne Beltza haben sich mittlerweile als Mestizo-Punker außerhalb des Baskenlandes einen Kultstatus erspielt. Ihren energetischen Mix aus Ska, Reggae, Pachanga und Cumbia begleiten sie mit der charakteristischen „Trikitixa“, dem diatonischen Akkordeon, und baskischen Texten. Nachdem alle vorherigen Alben auf kleineren baskischen Indielabels raus kamen, erschien das fünfte Studioalbum „Gora!“ im November 2013 auf dem neu gegründeten eigenen Label 5Gora.

Aufgenommen am 07.08.2015 im Bahnhof Langendreer, Bochum

http://www.funkhauseuropa.de/sendungen/worldlive/worldlivedienstag100.html