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Man hörte es kommen – Wie Musik die soziale Explosion in Chile ankündigte

Aus der neuen Ausgabe der ila (Nr. 435)
von Rolf Satzer

Wer das Glück hatte, vor Corona-Zeiten in den letzten Monaten in Chile gewesen zu sein, konnte in den Straßen von Santiago den Aufstand nicht nur beobachten. Die Revolte war auch überall zu hören, ein vielstimmiger Soundtrack der Rebellion, den man schon lange vor dem Oktober 2019 wahrnehmen konnte, der die Explosion angekündigt und bis heute begleitet hat.

In dem im Dezember 2019 erschienenen Buch Se oía venir – Cómo la música advirtió la explosión social en Chile berichtet ein Kollektiv von sieben Autor*innen über die zentrale Rolle, die Musik als Katalysator in den letzten Jahren und bislang in der Revolte gespielt hat beziehungsweise noch spielen wird: „Es sind nicht 30 Pesos, es sind 30 Jahre“ ist ein erster Slogan der Bewegung, und aus diesen 30 Jahren gibt es Musik, die dafür frühe Beweise geliefert hat und die heute vor allem Hinweise zu aktuellen Fragen gibt, um die es angesichts der sozialen Kämpfe 2020 noch gehen wird. Ganz folgerichtig verstehen sie ihr Projekt auch als „Buch über die Vergangenheit und die Zukunft“.

Das einleitende Kapitel beginnt mit der Initialzündung der aktuellen Revolte am 18. Oktober 2019, dem Sturm der Schüler*innen auf die Metro von Santiago und ihrem Slogan: Evadir, no pagar, otra forma de luchar (etwa: umgehen, nicht bezahlen, eine andere Art zu kämpfen). Ein Rhythmus und spontan gesungene, oder besser: gebrüllte Verse, die einen „Soundtrack von unten“ (so die Überschrift zum Kapitel) bilden, der noch in derselben Nacht von Zigtausenden mit dem ersten Cacerolazo, dem kollektiven Töpfeschlagen, aufgenommen und verdichtet wird. In weniger als 72 Stunden macht die Sängerin und Rapperin Ana Tijoux daraus ihren Song Cacerolazo. Sie verbindet ihn mit Sounds und Bildern aus dem realen Cacerolazo und dem Aufstand zu einem kongenialen Video.

Auf den folgenden Seiten finden sich im Buch viele ähnlich anschauliche Beispiele, wie die neue chilenische Bewegung in ihrer Verbindung mit Musik funktioniert und was sie ausmacht. Die bekannte Sängerin Tijoux nimmt Sound, Wut und Intensität der Basis auf, umgekehrt zitiert eine Jugendliche auf einer Großdemo wenige Tage später auf ihrem selbstgemachten Pappschild mit einer Karikatur von Piñera aus dem Lied Shock, das Ana Tijoux 2011 geschrieben hat: No permitimos más tu doctrina del shock. Das Lied ist ein Frontalangriff auf den Neoliberalismus in Chile und einen perversen Kapitalismus: „Sie nehmen dir alles, sie verkaufen alles / alles ist profitabel, das Leben und der Tod / alles ist ein Geschäft.“

Und so stellen die Autor*innen schließlich auch die Vorgeschichte des aktuellen Aufstands vor dem Hintergrund der musikkulturellen Revolte dar, die sich seit längerem entwickelt hat. Dafür steht nicht nur das erwähnte, 2011 entstandene Lied. Das Buch geht weiter zurück. Es zeigt, dass in den letzten 30 Jahren viele Musiker*innen die heute explodierende Wut empfunden und angekündigt haben. Und auch wenn kaum jemand in Chile mit der Intensität und Radikalität des Ausbruchs und der Wucht der Explosion rechnen konnte, sie haben eine Geschichte und haben sich entwickelt. Man hätte sie kommen hören können, wenn man etwa 2001 den Song Sudamerica-No der Punkband Fiskales Ad Hok gehört hätte. Der Text liefert die Vorhersage für das, was seit dem Oktober 2019 passieren sollte: „Wundert euch nicht, wenn wir wütend werden – sehr wütend“, so die Fiskales Ad Hok vor 18 Jahren.

Es verwundert nicht, dass in der aktuellen Bewegung an die Geschichte des chilenischen Punks seit den 1980er-Jahren angeknüpft wird. Er hat tatsächlich die „musikalische DNA“ vieler Chilen*innen mit geprägt. Und so wurde ein Lied der wohl bekanntesten Punk- und Rockband aus dieser Zeit, der Prisioneros, zu einem zentralen Lied des Aufstands: El baile de los que sobran (Der Tanz der Überflüssigen). Es wurde nicht auf irgendeinem Konzert vorgetragen; es wurde und wird von Tausenden auf der Straße gesungen. Das Buch berichtet ausführlich über diesen Aspekt der Aneignung von Musik auf der Straße und auch über die weiter zurückliegende Geschichte mit Sänger*innen wie Violeta Parra oder Victor Jara, die mit anderen Vertreter*innen des „Neuen chilenischen Liedes“ seit den 1960er-Jahren den Boden bereitet hatten. Die heutige musikkulturelle Revolte und ihre Protagonist*innen sind ebenso wenig vom Himmel gefallen wie der aktuelle politische und soziale Aufstand. Die nächste Aneignung von unten: Tausende singen heute auf der Straße El derecho de vivir en paz (Das Recht, in Frieden zu leben) von Victor Jara, der 1973 von putschenden Militärs ermordet wurde, und machen es zu einer weiteren Hymne.

Der Bezug zu dieser legendären Musik ist den Autor*innen wichtig und unverzichtbar, aber, und jetzt wird das Buch richtig spannend, eben nicht nur: „Der universelle Status dieser Songs ist unbestreitbar, aber nur auf solche konsolidierten Repertoires Bezug zu nehmen, ist konservativ und unzureichend.“ Und dann geht es weiter im Text mit neuer Musik, proletarischem Rap und chilenischem Trap (von Pablo Chill-E) und anderen. Es gibt viel zu entdecken an neuer Musik und wie sie den Aufstand begleitet. Beispiele aus den Kapitelüberschriften: Vom Rap zur urbanen Musik: Noten aus dem Untergrund / Technokratie: elektronische Musik und Postdiktatur / Das Feuer ging nie aus, es wuchs nur tief in unserem Innersten: Hardcore, Punk und andere Routen / Diskursive Flugbahnen der Frauen-Cueca-Ensembles / „Sie beherrschten die Vergangenheit, die Routine, die Energie. Sie werden nicht die Zukunft beherrschen“: Feminismus als kritischer Diskurs in der Popmusik.

Der Aufstand in Chile ab dem Oktober 2019 basiert auf einigen starken Bewegungen, die man fast alle vorher hören und (teils) auch sehen konnte. Die Mapuche (im Widerstand gegen die spanische Kolonisation über Pinochet bis heute), die Schüler*innenbewegung mit einer inzwischen jahrzehntelangen, regelmäßig neu beginnenden Tradition aus Rebellion, die Selbstorganisation in den Poblaciones (ärmeren Stadtteilen), die überall entstandenen Asambleas und Cabildos, eine enorm starke Frauenbewegung, die zuletzt am 8. März millionenfach in Erscheinung getreten ist, und schließlich die Frontlineaktivist*innen der Primera Línea mit vielen Jugendlichen aus prekären Verhältnissen, Heimen und Gefängnissen. Und quer zu diesen Bewegungen, vielfach miteinander verbunden, kommt eine „Bewegung“ kultureller Explosion hinzu, die nicht nur den hier beschriebenen Teil der Musik umfasst (Streetart, Theater, Straßenperfomance, Schriftsteller*innen, Film- und Videogruppen, Independentprojekte usw.). Das vorgestellte Buch ist tatsächlich ein dringendes Projekt, frei zugänglich, ein Gemeinschaftswerk: Urgente, gratuito, compartido, paritario, so die Macher*innen. Im besten Sinn und passend zur Bewegung antikapitalistisch, nicht auf ökonomische Verwertung bedacht und kontraneoliberal. Es ist eine Fundgrube für alle am Widerstand und an Musik Interessierten. Der manchmal etwas soziologische Sprachstil lässt sich leicht verkraften, wenn man in Lesepausen den vielen Bands und Musiker*innen nachforscht und sich zwischendurch ihre Stücke anhört.

Der Aufstand ist nicht vorbei. Die Menschen, die in Chile eine Revolution begonnen haben, sind noch da und werden wieder zurückkommen. Sie sind möglicherweise zurzeit nicht zu sehen. Aber sie sind weiter auf dem Weg. Man hört sie schon kommen.

Se oía venir – Cómo la música advirtió la explosión social en Chile, Download: www.cuadernoypauta.cl/inicio/

Tipps von Brigadistaksounds: CACEROLAZO – Ana Tijoux, El Baile de Los Que Sobran – Los Prisioneros, Facts – Pablo Chill-E, Madre Espérame que Vuelvo – Frekuente Beat X Gatobeat, Van a Ver – Meta Cumbia, Plata ta tá – Mon Laferte, Delusional – BBS Paranoicos, SHOCK – Ana Tijoux, ¿Por qué no se van? – Los Prisioneros, LOS40 – Homenaje a LasTesis ft. The Clash , El Flagelo – Fiskales Ad Hok

Rolf Satzer aus Köln legt unter anderem mit Brigadistaksounds auf und hat gerade mit befreundeten Musiker*innen aus Lateinamerika Konzerte geplant, die 2020 alle ausfallen werden.

ila-web.de

Che Sudaka feat. Las Manos de Filippi

CHE SUDAKA conectando con Las Manos de Filippi from Buenos Aires: „La Ley Del Miedo“

Die April-ila ist da, Nr. 434 zum Thema „Mais“

ila 434
Liebe Kolleg*innen, Freund*innen und Lateinamerika-Interessierte,

trotz der Einschränkungen durch die Corona-Krise haben wir es auch im April geschaftt, eine reguläre Ausgabe der ila herauszubringen. Zusammen mit treemedia e.v. und dem deutsch-mexikanischen Künstler*innenkollektiv tonalli haben wir einen Schwerpunkt zu Mais erstellt, der diesmal als eigenes 32-seitige Dossier nicht am Anfang der ila-Ausgabe steht, sondern in der Mitte eingeheftet ist.

Das vor 6000 Jahren von den Bewohner*innen des heutigen Mexiko und Mittelamerika kultivierte Getreide bildet bis heute die Ernährungsgrundlage vieler Menschen in Mittel- und Südamerika, aber auch in Afrika und Asien. Wegen seiner überragenden Bedeutung als Nahrungsmittel spielt Mais auch in der Spiritualität und Mythologie der indigenen Bevölkerungen Lateinamerikas eine wichtige Rolle. Gleichzeitig ist Mais heute aber auch eines der Hauptprodukte der industriellen Agrarproduktion, wobei nur ein kleiner Teil davon der menschlichen Ernährung dient. Fast 90 Prozent des weltweit produzierten Mais werden als Viehfutter oder für die Energieerzeugung eingesetzt. Das ila-Dossier beleuchtet die sehr unterschiedlichen kulturhistorischen und landwirtschaftlichen Facetten des Themas Mais und stellte Projekte vor, die dne auf Ernährungssouveränität und Bewahrung der Artenvielfalt zielende bäuerlichen Maisanbau fördern und verteidigen.

Neben dem Mais-Dossier enthält die April-ila Artikel und Interviews zur Corona-Krise in Lateinamerika, zur Frauenbewegung in Mexiko, zu Migrationsrouten durch Kolumbien und Panama in Richtung USA, zu bilingualer Bildung in Venezuela, zu einer Mittelamerikareise von EU-Parlamentarier*innen und vieles anderes mehr.

Die gesamte ila 434 hat einen Umfang von 64 Seiten und kann zum Preis von 6,00 Euro bei der ila (Heerstraße 205, 53111 Bonn, Tel 0228-658613, E-Mail vertrieb@ila-bonn.de, Internet: www.ila-web.de) bestellt werden.

Rettet das Clash!

Im Berliner Schuppen Clash haben wir schon so einige Feste gefeiert. Wir wollen dies auch in Zukunft tun! Ob Konzert, Soli-Party, Soli-Essen für baskische Gefangene oder für den Kälteschutz im Mehringhof , Lesung, Veranstaltung oder Film, die fetten Geburtstagsparties oder das leckere Mittagessen, wir vermissen das alles jetzt schon. Damit das Clash die Zeit der Einschränkungen wegen des Corona-Virus übersteht, sind wir alle gefragt, ob Stammkundschaft, Veranstalter*innen oder solidarische Gäste, die ab und an nur auf einen Kaffee oder ein Glas Bier oder Wein vorbei kommen, ob zum plaudern, zanzen, Billard spielen, kickern oder zum essen. In der Zeit, in der das Clash geschlossen hat, müssen laufende Fixkosten wie Versicherungen, Miete oder Löhne weitergezahlt werden. Zahlen wir doch auch einfach weiter, was wir sonst im Clash vertrinken. Und auch, wenn wir unsere Getränke gerade zuhause zu uns nehmen müssen: Homedrinking is schließlich killing your Stammkneipe, oder wie ging der Spruch mal?!

Wir von Lucha Amada als Gast-Veranstalter veranstalten seit über 10 Jahren schon Konzerte und die Fiesta Lucha Amada im Clash. Es macht uns dort megaviel Spass, wichtig ist uns aber auch die solidarische und hilfsbereite Atmosphäre, die das Kollektiv ausstrahlt. Vielen Projekten, politische Gruppen oder Kollektiven konnten wir mit unserem Soli-Euro, den wir im Clash beim Eintritt unserer Konzerte nehmen, schon unter die Arme greifen. Einige Konzerte mussten wir nun schon absagen. Wir wollen schon bald dort wieder gemeinsam mit euch feiern, tanzen und Pläne für emanzipatorischen Widerstand schmieden. Für all dies brauchen wir viele selbstverwaltete, linke Orte wie das Clash. Unterstützt auch die anderen kleinen Läden, Bands, Künstler*innen, obdachlose Menschen, Geflüchtete oder anderweitig in Not geratene Menschen.
https://www.gofundme.com/f/rettet-das-clash…

Refugees Welcome! Grenzen auf!

Die Situation in Griechenland und das EU-Grenzregime

Die Lage in Griechenland spitzt sich weiter zu. An der Grenze zur Türkei gehen die Repressionsorgane mit massiver Gewalt, vom Beschuss mit Tränengas über Misshandlungen bis hin zum Einsatz von scharfer Munition, gegen Schutzsuchende vor. Währenddessen wütete auf der Insel Lesbos der faschistische Mob. Geflüchtete, Helfer*innen, Journalist*innen und Aktivist*innen wurden massiv angegriffen und Infrastruktur wird gezielt zerstört. Die griechischen Behörden lassen die Rechtsextremen gewähren und ermutigen sie gerade dadurch zu ihrem Handeln. Zur Zeit breitet sich das Coronavirus auf Lesbos aus und stellt damit eine akute, teils lebensbedrohliche Situation für die Menschen in den geschlossenen Lagern dar.

Die Angriffe der Faschist*innen sind die konsequente Fortführung einer europäischen Abschottungspolitik. Das Leid der Geflüchteten wird billigend in Kauf genommen und dient als Abschreckungsfaktor. Die Lager auf den griechischen Ägäisinseln, allen voran das völlig überfüllte Lager Moria auf Lesbos, sind schon seit Jahren Gefängnisse für Menschen auf der Flucht.

Spendenlinks für Projekte auf Lesbos:
No Boarder Kitchen: https://noborderkitchenlesvos.noblogs
Legal Center Lesvos: https://legalcentrelesvos.org/donate/
Lesos Solidarity – Pikpa Camp: https://www.facebook.com/pikpalesvos/
(Text und Spendentipps von Plattform Radikale Linke)